Anfang Januar besuchte ich Berlin. Zum ersten Mal in meinem Leben betrat ich diese Stadt, von der ich schon allerlei gehört hatte. Viel hat sich hier zugetragen, Menschen haben hier Geschichte geschrieben. Und ich wagte mich hinein.
Schnee peitschte uns entgegen als wir den Flughafen Tegel verliessen. Ein winterliches Berlin erwartete uns. Weiss, kalt und geheimnisvoll. Sobald ich den warmen Bus verliess, kroch die Kälte in mir hoch, die Finger wurden starr, ich begann zu zittern. War es nur die Kälte? Noch mehr als das Wetter nagte die Geschichte an mir. Als ich im Schneegestöber das Brandenburger Tor erblickte, sah ich in Gedanken einen Kaiser mit Kutsche unten durchfahren, Männer eine Fahne runter werfen, ich sah, wie eine Mauer rundherum gebaut wurde. Geschichte prasselte auf mich ein und drückte mich fast zu Boden. Doch ich sah auch Hoffnung in dieser Stadt; in den Augen einer jungen Künstlerin, die für ein paar wenige Euro ihre selbstentworfenen Taschen an einem Flohmarkt verkaufte. Menschen die sich aus der Kälte in eine volle Halle zwängten, Freunde trafen und sich einen Sonntagnachmittag vergnügten. Eine Stadt voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Am Abend, wenn es Dunkel wurde, konnte man hie und da in einem Fenster Menschen erkennen. Und ich machte mir Gedanken, wie sie wohl leben würden. Oft war nur ein heller Schein zu sehen ohne was erkennen zu können. Das erinnerte mich an eines meiner Lieblingsbücher von Walter Benjamin. Auch er beschrieb die Fenster des winterlichen Berlins seiner Kindheit. Hier ein Aussschnitt aus "Winterabend":
Walter Benjamin, "Berliner Kindheit um neunzehnhundert"

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